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„Ich habe mir geschworen, kein Mädchen zurückzulassen" <strong>- ein Interview mit Mable Sichali</strong>

von Steffi Favetto

„Ich habe mir geschworen, kein Mädchen zurückzulassen" <strong>- ein Interview mit Mable Sichali</strong>

Es ist der 26. Juli 2025 - an diesem Morgen sitzen die Mädchen der Chipembi Girls Secondary School auf dem Schulgelände und warten auf das offizielle Programm. Eigentlich ist es ein Termin, bei dem es um weitere Sanierungsmaßnahmen gehen soll. Aber ein offizielles Programm mit Dankesreden und Gesängen gibt es immer, wenn man Projekte offiziell an die Schule übergibt und sie damit abschließt.

Doch Mable macht daraus etwas anderes. Sie stellt sich vor die Mädchen und erzählt ihre eigene Geschichte. Die Geschichte eines Kindes, das im Copperbelt in einer Dienstwohnung zwischen wohlhabenden Familien aufwuchs und mit dem Auto zur Schule gebracht wurde. Und die eines Mädchens, das nach dem Tod seines Vaters stundenlang durch den Wald zur Schule lief und sein Schulgeld mit Wäschewaschen selbst verdiente.

Wir haben Mable auf einer unserer Reisen über die Gossner Mission kennengelernt. Damals arbeitete sie als Diakonin der United Church of Zambia. Sie wandte sich mit einer konkreten Bitte an uns: Die Mädchen der Chipembi Girls Secondary School brauchten Unterstützung. In dem Internat fehlte es unter anderem an Betten und sicheren sanitären Einrichtungen.

Diese Bitte war der Beginn unserer Zusammenarbeit. Mittlerweile hat Mable eine eigene NGO gegründet. Mit KUTH verbindet sie Aufforstung, nachhaltige Landnutzung und Bildungsarbeit. Kinder und Erwachsene lernen dort nicht nur, wie sie Böden schützen, Bäume pflanzen und Nahrungsmittel anbauen können. Sie erwerben Wissen, das sie anwenden, weitergeben und für neue Einkommensmöglichkeiten nutzen können.

Wir kennen Mable als engagierte Partnerin, die Verantwortung übernimmt und Veränderungen anstößt. Ihre persönliche Geschichte kannten wir bis zu diesem Morgen jedoch nicht.

Mable, Du hast an diesem Morgen nicht über die Bauarbeiten gesprochen, sondern über Dich selbst. Warum?

Ich möchte, dass Ihr versteht, warum ich das tue, was ich tue. Warum ich mich immer für die Rechte von Mädchen einsetze und junge Mädchen mit ganzem Herzen unterstütze. Ich habe mir geschworen, kein Mädchen zurückzulassen, egal wer sie ist und wo sie herkommt.

Wie hat Deine Kindheit angefangen?

Ich wurde im Copperbelt geboren und bin dort zur Schule gegangen, als Tochter von zwei großartigen Lehrkräften. Mein Vater war ein hervorragender Mathematiklehrer und Schulleiter. Meine Mutter war eine sehr kluge Hauswirtschaftslehrerin, eine ausgezeichnete Köchin, einfallsreich, kreativ und der bescheidenste Mensch, dem ich je begegnet bin.

Das Leben war in Ordnung. Es wurde sogar noch besser, als mein Vater zum Bürgermeister von Luanshya ernannt wurde. Wir lebten in der White Avenue, zwischen wohlhabenden Familien, in einem voll ausgestatteten Haus. Wir wurden zur Schule gefahren und wieder abgeholt. Meine Kindheit war aufregend, denn wir hatten alles, was wir brauchten.

Und dann?

Dann war damit plötzlich Schluss. Mein Vater wurde krank und starb.

Wir mussten das Dienstwohnhaus verlassen, und meine Mutter bekam keine Ersatzwohnung gestellt, weil sie eine Frau war. Also zogen wir in ein Haus, das mein Vater gebaut hatte. Von da an gingen wir zu Fuß zur Schule, stundenlang, von Montag bis Freitag durch dichten Wald. In dieser Zeit war ich vielen Gefahren ausgesetzt. Giftschlangen, wilden Tieren und Menschen, die Kindern Gewalt antun.

Was hat Dich damals in der Spur gehalten?

Meine Mutter. Eine gläubige und standhafte Christin. Sie hat immer gebetet und uns ermutigt, zur Schule zu gehen. Weil das der einzige Weg ist, das Blatt zu wenden. In diesen Jahren sah ich, wie hart meine Mutter arbeitete. Und ich ging zur Schule, wusch Wäsche, putzte Wände und bezahlte damit mein Schulgeld selbst. Denn das Leben hatte sich verändert.

Wann hast Du gemerkt, dass Du eine Wahl hast?

Ich bin als junges Mädchen ohne Vater aufgewachsen und kenne den Schmerz des Verlusts und das Gewicht der Ungewissheit aus eigener Erfahrung. Aber ich wusste auch, dass ich eine Wahl hatte. Entweder ich lasse mich von meinen Umständen bestimmen, oder ich wachse über sie hinaus.
Der Tod meines Vaters hat eine Lücke in meinem Leben hinterlassen. Aber er hat mich auch viel gelehrt. Über Stärke, über Mut und über Ausdauer. Ich habe gelernt, dass es selbst in den dunkelsten Momenten immer Hoffnung gibt.

Du triffst in Deiner Arbeit ständig auf Mädchen in ähnlichen Situationen. Was möchtest Du ihnen sagen?

Ich sehe in Euch denselben Funken, dasselbe Feuer, das in mir gebrannt hat. Auch Ihr könnt über Eure Schwierigkeiten hinauswachsen. Auch Ihr könnt Euren Kampf in Stärke verwandeln. Auch Ihr könnt Euren Schmerz in Sinn verwandeln.

Aber es wird nicht leicht. Es wird Zeiten geben, in denen Ihr aufgeben wollt. Es wird Zeiten geben, in denen Ihr an Euch selbst zweifelt, an Euren Fähigkeiten und an Eurem Wert. Lasst diese Zweifel nicht bestimmen, wer Ihr seid. Macht sie stattdessen zu Eurem Antrieb. Denn die einzige Person, die Ihr übertreffen müsst, ist die Person, die Ihr gestern wart.

Warum ist es so wichtig, in Bildung zu investieren?

Bildung schafft Perspektiven. Sie bildet die Grundlage für Mädchen, um Armut zu überwinden und ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Dabei geht es nicht allein um Lesen, Schreiben und Rechnen. Bildung bedeutet auch, Zusammenhänge zu verstehen, sich Wissen anzueignen, es anzuwenden und an andere weiterzugeben.

Auch die Orte, an denen Mädchen lernen und leben, spielen dabei eine wichtige Rolle. Eine sichere und gute Lernumgebung zeigt ihnen: Ihr seid wertvoll. Eure Bildung zählt. Und ihr habt das Recht, eigene Ziele zu entwickeln und euren Weg zu gehen.

Gerade für Mädchen, deren Bedürfnisse und Zukunftschancen häufig weniger Beachtung finden, kann Bildung neue Möglichkeiten eröffnen. Sie gibt ihnen das Wissen und das Vertrauen, Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen und ihre Zukunft aktiv mitzugestalten.

Wenn ein Mädchen sich nur drei Sätze merken soll, welche wären das?

Ihr seid stark und könnt auch schwierige Zeiten überstehen.
Ihr habt Fähigkeiten und Talente, mit denen ihr lernen, wachsen und euren eigenen Weg gestalten könnt.
Ihr seid wertvoll und verdient Respekt, Geborgenheit und die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.

Eine lächelnde Frau mit dunkler Haut und geflochtenen Haaren trägt einen schwarzen Blazer über einem orangefarbenen Oberteil

Mable Sichali

— Vorsitzende KTF, Projektleiterin und Diakonin der UCZ

Warum wir diese Geschichte erzählen

Wir schreiben oft über sanierte Schulgebäude, neue Betten, Schulgärten und gepflanzte Bäume. Über Dinge, die man zählen und fotografieren kann. Mables Geschichte zeigt, was hinter diesen Projekten steht und wie sehr Bildung den Weg eines Menschen verändern kann.

Sie zeigt auch, warum verlässliche Partner*innen vor Ort so wichtig sind. Menschen, die die Herausforderungen kennen, Verantwortung übernehmen und sich langfristig für Veränderungen einsetzen. Gemeinsam mit ihnen können wir Projekte verwirklichen, die Kindern neue Perspektiven eröffnen.
Hinter all unseren Projekten stecken echte Menschen, mit echten Geschichten. Menschen die etwas bewegen und verändern möchten.

Wenn Ihr Mables Bildungs- und Aufforstungsarbeit unterstützen möchtet, freuen wir uns über jede Hilfe.

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